Leseprobe Sturmnacht

 

„Aus dem Weg“, brüllte Reiser zwanzig Minuten später und versuchte verzweifelt, sich durch die Drehtür am Terminal 1 des Kölner Konrad-Adenauer-Flughafens zu drängeln. Es nützte wenig. Auch ein Oberkommissar kommt in einer Drehtür nicht schneller voran, als ein Greis am Krückstock. Kaum war die Tür einen Spalt geöffnet, zwängte er sich hindurch. Unverständliches Kopfschütteln begleitete ihn.
Es kümmerte ihn wenig. In einer halben Stunde würde sein Freund und Partner, Hauptkommissar Hachenberg, nebst Sohn, Freundin und deren Tochter das Flugzeug nach London besteigen. Und Reiser hatte sich nicht verabschiedet. Weil dieser Vollpfosten Spitz dazwischen gekommen war. Simon würde denken, ihm, Reiser, läge nichts an ihm. Schnell warf er einen Blick auf die Abfluganzeige. Er atmete auf. Der Flug hatte Verspätung. Schwein muss man haben.
Er rannte zum Abfertigungsschalter. Am Amex-Stand vorbei. Äußerst gut platziert, wie er beiläufig bemerkte. Erwartungsvoll blickte ihn eines der appetitlichen Mädels an. Schade, keine Zeit für sowas. Er winkte nur und erreichte eine missmutig dreinblickende Angestellte am Schalter. Beinahe. Vor ihm ein Pärchen, das es allem Anschein nach nicht eilig hatte.
„Polizei“, er zückte seinen Dienstausweis und schob sich vorbei.
„Eh, was soll das? Hinten anstellen.“ Die beiden murrten aufgebracht „Unverschämtheit. Kann ja jeder sagen.“
Pech. Er hielt der Frau mit den hängenden Mundwinkeln seinen Ausweis unter die Nase. „Ich muss da durch. Es geht um Leben und Tod.“
„Ach ja? Zeigen Sie mal her.“ Sie nahm unbeeindruckt seinen Ausweis und studierte ihn. Ihre Mundwinkel wanderten tiefer. „In welcher Angelegenheit denn? Ich habe keinerlei Information, dass …“
„Hören Sie …“ Er kaute nervös auf seiner Unterlippe.
„Reiser? Wir sind hier.“ Händchenhaltend mit Viktoria Stein stand Simon neben dem Amex-Stand mit den Sahneschnitten und winkte ihm gutgelaunt zu. Er überragte alle Anwesenden.
„Mann, bin ich froh, euch noch zu erwischen. Der Verkehr, eine Katastrophe. Und deine Vertretung … ach scheiß der Hund drauf. Hat ja noch geklappt. Ich wollte nur sicher gehen, dass du auch wirklich in den Flieger steigst und es dir nicht noch anders überlegst.“ Reiser grinste.
„Gib es zu. Du wirst mich vermissen“, erwiderte Simon.
„Ha, drauf geschissen. Bisschen Ruhe tut gut.“ Er würde ihn vermissen. Definitiv. Gerade jetzt hatte er einen Freund bitter nötig. „Seit du nach Heiligenburg zurückgekommen bist, gab es nur Mord und Totschlag. Geiselnahmen. Nicht zu vergessen die Geistertante.“
„Okay, du meinst also, wenn ich für ein halbes Jahr nach Kanada verschwinde, bleibt Heiligenburg sicher?“, fragte Simon lachend. „Danke für das Kompliment, mein Freund. Aber Spaß beiseite … denk daran, wir haben keine Adresse, kein Handy. Wir sind sozusagen verschollen. Und Kanada ist ein verdammt großes Land. Du wirst uns nicht finden.“ Freundschaftlich klopfte er Reiser auf die Schulter. Dann legte er zärtlich den Arm um Viktoria.
„Hast du etwas von Susanne und Mia gehört?“
Reiser nickte, sagte aber nichts.
Aus der Lautsprecheranlage ertönte die Durchsage: „Wir bitten alle Passagiere des Fluges LH 2813 nach London … All passenger of flight …”
„Reiser, wir müssen los. Julian und Annabell sind schon durch. Sie wollten noch ein bisschen durch die Geschäfte bummeln. Ich werde sie von dir grüßen. Mach´s gut. Und halt den Stall sauber.“
Simon reichte ihm die Hand, Viktoria tat es ihm gleich. Sie lächelte ihn an. Zwei Grübchen bemerkte er. Nicht links und rechts. Nebeneinander auf einer Seite.
Hand in Hand schlenderten Simon und Viktoria anschließend durch die Abfertigungshalle, vorbei an Frau Mürrisch, und legten, ohne die Hände von einander zu lösen, ihr Gepäck zur Kontrolle auf das Band. Noch ein letztes Mal drehte Simon sich um, winkte und verschwand von der Bildfläche.
„Tschüss, Kumpel“, murmelte Reiser. „Ich werd dann auch mal wieder.“ Zurück zu Spitz-pass-auf.
Auf dem Weg zum Ausgang entschied er, seinen neuen Kollegen ein wenig zappeln zu lassen. Er kaufte sich einen Kaffee und einen Schokokeks im Fast-Food-Café und erklomm die Treppe zur Aussichtsplattform. Dort setzte er sich auf eine leere Bank, reckte sein Gesicht in die warmen Strahlen der Frühlingssonne und schloss die Augen. Das Dröhnen der Motoren beruhigte ihn. Als junger Mann war er oft hierhin gekommen, hatte das Starten und Landen der Flugzeuge beobachtet und sich ausgemalt, wie es wäre, die Welt zu erobern.
Er war niemals geflogen. Hatte kaum die Grenzen des Bergischen Landes überschritten. Warum auch?