Leseprobe Wintergold

 

September 1958

Ein lauer Wind strich über die Apfelwiese. Die schon leicht gelbgefärbten Blätter raschelten leise in der goldenen Septembersonne. Verstreute Schönwetterwolken trieben träge am Horizont und versprachen warmes Sonnenwetter für den kommenden Tag.

Der Schuppen, rechteckig und dunkelrot die gebrannten Ziegel wie eh, am Rande der spätsommerlichen Idylle. Die halbrunde Flügeltür, Bergisch Grün glänzend, weit geöffnet.

Laute Stimmen und fröhliches Gelächter hallten durch das Innere. Ein Mädchen, in ihrem zehnten Sommer etwa, sprang lebhaft über die Schwelle hinaus auf die Wiese. Blonde Zöpfe unter dem rotkarierten Kopftuch, in ihrer rissigen Hand ein großer, rotwanginer Apfel.

"Großmutter, wie hießen die Äpfel nochmal, die auf unserer Wiese wachsen, diese seltsamen Namen?", rief sie der alten Frau zu, die ebenfalls aus dem Schuppen trat und biss kraftvoll in die knackige Frucht. Klebrigsüßer Saft spritzte heraus, verbreitete seinen feinwürzigen Duft.

"Gravensteiner, Freiherr von Berlepsch, Klarapfel, Wintergoldparmäne", zählte die alte Frau auf und schaute mit breitem Lächeln im wettergegerbten, braunen Gesicht das Mädchen an. Dann wanderte ihr stolzer Blick weiter zu den Apfelbäumen, die von reicher Ernte kündeten. Schwer bogen sich die Äste unter der Last der goldrot leuchtenden Äpfel.