Leseprobe Todesreim

 

Simon Hachenberg, Hauptkommissar

Er liebte dieses Land, diesen Ort, diese Menschen. Ich hätte bleiben sollen, dachte er. Einfach bleiben sollen. Hier in dieser Idylle mitten in dem kleinen englischen Ort Norton-on-Tees, nicht weit von der rauen Nordsee und der schottischen Grenze entfernt, fühlte er sich zuhause. Hier kam er zur Ruhe und konnte sich von seinem Beruf bei der Polizei erholen. Simons Blick wanderte über Norton Green, mit seinen um einen großen Teich gebauten typisch englischen Häuschen.

Die roten Telefonzelle stand immer noch am gleichen Platz, genau wie vor zwanzig Jahren, als er zum ersten Mal in dieses hübsche Städtchen kam und er den schönsten Sommer seines Lebens verbrachte. Ganz am Ende der Green stand sie, die alte Kirche St. Mary the Virgin, mit den uralten Gräbern, die viele Geschichten zu erzählen hatten.

Am anderen Ende, gesäumt von hohen alten Bäumen, erstreckte sich die High Street mit den vielen Cafés, Geschäften und Pubs und ebenfalls wunderschönen Häusern, einige mit runden Erkern und in allen Farben gestrichenen und verzierten Holztüren. Gerade diese Eingangstüren faszinierten und erfreuten ihn. Alle waren sie unterschiedlich und trotzdem passte alles so wunderbar zusammen.

Das Klingeln seines Mobiltelefons holte ihn aus seinen sentimentalen Erinnerungen zurück in die Gegenwart, und als er die Nummer des Dezernats in Heiligenburg erkannte, zu dem er nach fünf Jahren Auslandsdienst wieder als Hauptkommissar zurückkehren würde, zögerte er.

Nicht einmal im Urlaub lassen sie mich in Frieden, dachte er verdrießlich, doch sein Pflichtbewusstsein, verinnerlich in seinem Charakter, und mehr als zwanzig Jahre Polizeiarbeit ließen sich nicht so einfach abschütteln.

"Simon, bist du es?" Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang verzerrt. Sie gehörte Oberkommissar Reiser, seinem zukünftigen Partner im KK1. Anfang vierzig und unverheiratet, wohnte dieser tatsächlich noch bei seiner Mutter.

 

Reiser, Oberkommissar

Reisers Blick schweifte durch den Raum. Wie schon bei ihrem ersten Besuch bewunderte er die Helligkeit und Gemütlichkeit dieser Anlage. Würde er auch, wenn er alt wäre, in solch einer Residenz leben? Trotz aller Behaglichkeit, die dieses Haus austrahlte, hoffte er es nicht. Auch würde er dafür sorgen, dass seine Mutter bei ihm bleiben könnte, denn sie würde das Haus, in dem sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, schmerzhaft vermissen und nicht einen Tag in einem Heim überleben. Da war er sich ganz sicher. Sie hatte ja ihn, aber wen hatte er, wenn es einmal soweit wäre.....

Er war kinderlos, noch nicht einmal verheiratet. Seine Gedanken schweiften viele Jahre zurück, zu dem Mädchen, das er heftig geliebt hatte. Sie waren beide erst 20 Jahre alt gewesen, noch so furchtbar jung. Doch mit ihr hätte er sich ein gemeinsames Leben vorstellen können. Und dann war sie verschwunden, ohne ein Wort des Abschieds. Niemals mehr hatte er sich verliebt, er hatte sein Herz verschlossen und sich seiner Karriere gewidmet. Bis jetzt!

Maike, dachte er. Sie hatte viel Ähnlichkeit mit Peggy. Vielleicht wäre seine frühere Freundin so wie Maike heute, wenn es sie irgendwo noch gäbe. Niemand wusste, was mit ihr geschehen war.

 

Molly Jo Hazelwood, alte Dame, die an Geister glaubt.

Nachdenklich betrachtete Molly Jo Hazelwood ihr Abbild in dem alten stilechten 50er-Jahre-Spiegel, der in der kleinen Diele ihres Hauses hing. Der asymmetrische längliche Wandspiegel mit einem schwarz eingefärbten Glasrahmen hatte es ihr angetan. Erinnerungen an ihre Kindheit verschwammen mit der Gegenwart: der morgendliche kurze Blick in diesen Spiegel, bevor sie aus der Haustür gestürmt war, um zur Schule zu rennen, ihre Mutter mit ihren verrückten Hüten, wie sie sich die Lippen mit einem knallroten Lippenstift nachgezeichnet hatte, ihr Bruder, der niemals einen Blick in diesen Spiegel geworfen hatte, und zuletzt ihr Vater, eitel wie ein Gockel, wie er inbrünstig seine Opernarien zum besten gegeben hatte. Sie schmunzelte bei dem Gedanken, dass sie als naive Siebenjährige der aufrechten Überzeugung gewesen war, ihr Vater wäre ein berühmter Opernsänger.

Sie war ihrem Neffen so dankbar, dass er diesen wunderbaren Spiegel aus der Vergangenheit nicht einfach auf dem Müll entsorgt hatte und ihr die Möglichkeit gab, sich zu erinnern. Gerührt wischte sie sich eine Träne von der Wange. In diesem Moment fragte sie sich zerstreut, wer denn bloß diese betagte Dame mit den zerzausten Haaren sei, die ihr so melancholisch entgegenblickte, um dann erschreckt festzustellen, dass es sich um ihr eigenes Anlitz handelte. Sie war nicht im Geringsten überrascht, als sie bemerkte, dass Eduard plötzlich hinter ihrem Spiegelbild auftauchte und sie mit einem vorwurfsvollen Blick bedachte.

"Ist ja schon gut, Eduard", sagte sie zu ihm. "Du hast recht. Meine Haare haben schon lange keine Schere mehr gesehen, es wird Zeit, ich gehe zum Friseur. Hoffentlich erkennst du mich hinterher noch wieder!" So schnappte sie sich ihre überdimensionale Handtasche und machte sich auf Weg in die Stadt.

 

Rosa Schmidt mit dt, Staatsanwältin

Erleichtert, der saunaähnlichen Luft in diesem Zimmer endlich entkommen zu können, erhoben sich die Beamten und machten sich schleunigst auf in Richtung Tür.

"Momang, Momang. Nit esu flöck, leev Lück! Alle Mann zurück, ävver flöck! Hauptkommissär Hachenberch!" Empört sprang Rosa Schmidt auf. "Ich habe da draußen eine ganze Horde an Pressehyänen, die mich und Sie lynchen wollen. Denen muss ich ein paar Häppchen zuwerfen". Das klang drohend und betretendes Schweigen folgte. "Ich sinn alt de Schlaachzeil en de Zeidung. Also, leev Fraulück und Käls, setz üch!"

 

Dr. Maike Gottburg, Rechtsmedizin

"Du siehst müde aus", sagte Maikes Stimme hinter ihm. Erfreut drehte Reiser sich um und schaute in ihre schönen Augen. Er lächelte.

"Das konntest du gar nicht sehen, du hast mich doch nur von hinten betrachten können".

Auch Maike lächelte.

"Ich hab´s an deinen Schultern erkannt", antwortete sie vergnügt. "Ich seh so etwas."